Über Bio-Deutsche, POCs und Kampfsportlerinnen im Kopftuch

May 1, 2015
Posted by:Kaneza.org

Am 11. und 12. April 2015 fand ein Wochenendseminar der Kaneza Initiative in Berlin statt. Unter dem Motto “Außenwirksamkeiten:Engagement und Vielfalt gestalten” empfing die Initiative mehr als 15 Teilnehmende für eine ganz besondere Lernerfahrung. Normal ist anders. Teil 1 unseres Berichts:

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Das Seminar “Außenwirksamkeiten: Engagement und Vielfalt gestalten” fand im Upstalsboom Hotel in Berlin statt

Das Seminar “Außenwirksamkeiten: Engagement und Vielfalt gestalten” wurde von Elisabeth Kaneza, Gründerin der Kaneza Initiative für Dialog und Empowerment, am 11. April 2015 eröffnet. Anschließend erzählte Gastrednerin Gülsah Cakas von ihrem persönlichen Weg in Deutschland. Gülsah ist 19 Jahre alt und Schülerin in Hamburg. Mit ihrer starken Persönlichkeit und ihrem vielfältigem Engagement beeindruckte sie die Seminarteilnehmenden – so sehr, dass sie gebeten wurde nochmals ihr “wahres” Alter mitzuteilen. Kann ein so junger Mensch so engagiert sein? Noch dazu mit Kopftuch? Erlebt sie Hindernisse? Seit wann trägt sie ihr Kopftuch?

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Gülsah Cakas berichtet von ihrem persönlichen Weg in Deutschland

Das sind Fragen, die über den Teilnehmenden schwebten. Als Gülsah ihnen dann noch eröffnete, dass sie Kampfsport betreibt, verschlug diese Information Allen die Sprache. Danach zweifelte keiner daran, dass die junge Stipendiatin der Deutschland Stiftung Integration eine Kämpferin aus Leidenschaft ist. Prompt folgten Fragen und Rückfragen. Die Teilnehmenden wollten Eindrücke aus Gülsahs Alltag erhalten, hören und verstehen wie sie ihr Leben in Deutschland gestaltet. Und Gülsah? In ihrer verständnisvollen Art, nahm sie sich sehr viel Zeit, um alle Fragen ausführlich zu beantworten.

“Ich habe für Rassisten keine Zeit und Kraft. Meine Ziele haben oberste Priorität, darauf liegt mein Fokus.” – Patrick Abe

Im Anschluss unterhielt sich Gülsah im Gespräch mit Patrick Abe, Gründerin des Vereins Elikia e.V. Der Talk mit dem Titel “Mein Hijab-Mein Afro in Deutschland” wurde von Elisabeth Kaneza moderiert. Patrick berichtete von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus während ihres Studiums und ihrer bewussten Entscheidung, sich nicht von Diskriminierung kontrollieren zu lassen. “Ich habe dafür keine Zeit”, sagte sie, als sie beschrieb wie sie alleine Gruppenarbeiten erledigen musste, sich daraus aber nichts machte und irgendwann beschloss alles Negative keine Beachtung zu schenken.

Im Austausch mit Patrick erzählte Gülcah von ihrer Entscheidung ihren Hijab zu tragen – eine Entscheidung, die sie allein und bewusst getroffen habe. Ihre Eltern, die aus der Türkei stammen, hinterfragten damals ihren Entschluss. Sie blieb dabei: Sie möchte in einem Deutschland leben, in dem sie ihre Religion leben kann, und sie nicht leugnen muss, um toleriert zu werden oder erfolgreich zu sein. Diese Einstellung hatte in nicht wenigen Fällen zur Folge, dass sie Absagen auf Bewerbungen erhielt. Auch das nimmt sie hin.

“Meine Eltern habe mich nicht zum Hijab gezwungen”- Gülsah Cakas

„Mein Hijab ist für mich nicht einfach ein Tuch. Es ist wirklich wie ein Körperteil, das zu mir gehört. Ich verbinde damit Werte, die mich zu der Person machen, die ich bin. Ich wünschte man würde sich die Zeit nehmen meine Persönlichkeit hinter dem Kopftuch kennenzulernen. Ich nehme es aber mit spiritueller Stärke auf und sage mir, dass es eh nicht der richtige Arbeitgeber für mich wäre.“

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Im Gespräch: Patrick Abe (l) und Gülsah Cakas (r), mit Moderatorin Elisabeth Kaneza (mitte).

Patrick ergänzte, dass auch afrikanisch-stämmige Mädchen und Frauen diesen Anpassungsdruck erleben. Das eigene Haar „natürlich“ zu tragen oder die eigene Hautfarbe zu akzeptieren sei für viele keine Option. Die Mathematikerin mit kamerunischen Wurzeln sagte weiter, dass die Angst vor Ablehnung eine Erklärung für dieses Phänomen liefere. Ein weiterer Grund sei mangelndes Selbstbewusstsein, der bis zum „Selbst-Hass“ reichen könne, da man im ständigen Vergleich mit weißen Vorbildern stehe, die ein weit verbreitetes Schönheitsideal reflektieren: Helle haut,glatte Haare. Es sei eine ständige Verunsicherung. In ihrem heutigen Beruf mit Führungsposition habe sie gelernt sich so zu akzeptieren wie sie ist und wiederum ihr Arbeitsumfeld dazu gebracht ihre Kompetenzen anzuerkennen.

„Es gab Situationen, da wurde nicht akzeptiert, dass ich die Leitung habe – obwohl genau das mein Job war. Mittlerweile müssen sie es anerkennen. Ich bin kompetent und qualifiziert.“Gülsah und Patrick rieten den Teilnehmenden, die Alltagsrassismus erleben, zunächst ihr Ziel vor Augen zu halten und sich nicht durch Erfahrungen von Diskriminierung entmutigen zu lassen. Das eigene Selbstbewusstsein könne man steigern, indem man aktiv wird und für die eigene Situation kreative Lösungen sucht. Wichtig sei zudem ein wohlgesinntes Umfeld und ein geschützter „sozialer Raum“, indem man seine Erfahrungen mit anderen austauschen kann und man Zuspruch und Anerkennung erfährt.

Sich nicht klein-diskriminieren lassen

Negative Erfahrungen sollten einen nicht die eigene Neugier auf Neues und die Begeisterung für das Leben nehmen. Sie seien sogar ein guter Grund, um eigenes Engagement zu gestalten, um dadurch die erlebten Missstände zu ändern. Genau das tun diese beiden jungen Frauen. Sie leben gerne in Deutschland und lassen sich nicht klein-diskriminieren, sondern stärken sich und Andere. Gülsah in Hamburg und Patrick in Berlin.

Die Diskussion im Seminarraum war lebendig und ehrlich. Nesreen, eine muslimische Teilnehmerin sagte “Es gibt keine falschen Fragen. Lasst uns alle Fragen stellen, die sich uns stellen”.

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Während des Seminars wurde viel gelacht.

Interaktionen

  1. “- Was bedeutet denn “Bio-Deutsch”?”

  2. “- Deutsch, ohne sogenannten “Migrationshintergrund” meinen wir. Ohne Mischung.”

  3. “- P-O- was?” “

  4. – POC. Das steht für People of Colour.”

  5. “- Es entzieht sich meinem Verständnis warum sich jemand freiwillig den ganzen Körper bedecken sollte.

  6. “- Sehe es mal anders: Es nicht tun zu dürfen, wenn man es möchte – das ist keine Freiheit.”

  7. “- Müssen sich Deutsche nicht auch vis-a-vis Nicht-Deutschen positionieren?”

  8. “- Nein, müssen sie nicht. Sie haben die Wahl und sind weitgehend unsichtbar als Weiße in ‘ihrem Land’. Als Kopftuchträgerin oder POC bist du sichtbar ‘anders’. Du hast keine Wahl und wirst ständig auf diesem Merkmal reduziert, musst Stellung beziehen und deine Minderheitengruppe repräsentieren. Ob du möchtest oder nicht.”

  9. “- Sorry, ich habe keine Zeit dafür (Rassisten). Ich bin pragmatisch. Ich habe Wichtigeres zu tun.”

  10. “Ich bin froh, dass ich Muslima in Deutschland bin. Hier habe ich als Frau mehr Rechte als anderswo.”

  11. “Sie müssen machen was ich sage, wenn ich die Leiterin bin. Hautfarbe hin oder her.”

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